Wer in Österreich einen Termin beim Kassenarzt braucht, kennt das Problem: Wartezeiten von Wochen, überfüllte Wartezimmer und immer mehr Ordinationen, die keine neuen Kassenpatienten aufnehmen. Der Mangel an Kassenärzten ist kein neues Phänomen, aber er hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft und betrifft mittlerweile weite Teile des Landes, nicht mehr nur ländliche Regionen.
Die Ursachen sind vielschichtig. Einerseits ist die Ärztegeneration, die in den 1980er und 1990er Jahren ihre Ordinationen eröffnete, zunehmend im Pensionsalter. Viele dieser Kassenstellen werden nicht oder nicht rechtzeitig nachbesetzt, weil sich zu wenige Jungärzte für eine Kassenpraxis entscheiden. Die Gründe dafür sind bekannt: bürokratischer Aufwand, vergleichsweise niedrige Honorare bei hohem Patientenvolumen und wenig Flexibilität in der Arbeitsgestaltung.
Junge Medizinerinnen und Mediziner wählen heute häufiger angestellte Positionen in Krankenhäusern oder Gruppenpraxen, die mehr Planbarkeit und bessere Vereinbarkeit mit dem Privatleben bieten. Auch die Wahlarztoption ist für viele Absolventen attraktiver, da sie wirtschaftlich oft lukrativer und organisatorisch freier ist. Das Ergebnis: Die Zahl der Kassenärzte sinkt, während die Nachfrage durch eine wachsende und alternde Bevölkerung steigt.
Die österreichische Bundesregierung hat das Problem erkannt und eine umfassende Gesundheitsreform auf den Weg gebracht. Im Zentrum stehen Maßnahmen zur Attraktivierung der Kassenarztstelle. Dazu gehören höhere Honorare, die Reduktion des bürokratischen Aufwands durch Digitalisierung und die Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle. Ärzte sollen künftig leichter in Teilzeit als Kassenarzt tätig sein können, was besonders für Medizinerinnen mit Kindern relevant ist.
Ein weiterer Reformansatz sind die Primärversorgungszentren (PVZ). Diese Einrichtungen bündeln verschiedene Gesundheitsberufe unter einem Dach: Allgemeinmediziner, Fachärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter arbeiten gemeinsam und ermöglichen so eine umfassende Versorgung für Patienten. Die PVZ haben dort, wo sie bereits etabliert sind, positive Ergebnisse gezeigt. Der Ausbau dieses Modells ist ein zentrales Ziel der Gesundheitsreform.
Die Krankenkassen spielen eine entscheidende Rolle in diesem Prozess. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK), die seit 2020 die Hauptverantwortung für die Krankenversicherung der unselbstständig Erwerbstätigen trägt, muss die Kassenverträge für Ärzte attraktiver gestalten und gleichzeitig die Kosteneffizienz im Auge behalten. Verhandlungen zwischen ÖGK und Ärztekammer sind regelmäßig von Spannungen geprägt.
Digitalisierung gilt als einer der wichtigsten Hebel zur Entlastung des Gesundheitssystems. Die elektronische Gesundheitsakte ELGA soll ausgebaut und mit weiteren Funktionen versehen werden. Telemedizin, also Arztgespräche per Video, wird als ergänzendes Angebot immer wichtiger und kann helfen, Routineberatungen effizienter zu gestalten und die physische Belastung der Ordinationen zu reduzieren.
Patienten spüren die Engpässe im System am unmittelbarsten. Wer keinen Kassenarzt in der Nähe findet oder monatelang auf einen Facharzttermin warten muss, weicht oft auf teure Wahlarztleistungen aus oder begibt sich in die Notaufnahme des Krankenhauses, was die dortigen Kapazitäten unnötig belastet. Eine Fehlverteilung im System, die sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich bedenklich ist.
Die Gesundheitsreform 2026 ist ein ehrgeiziges Vorhaben, das strukturelle Weichenstellungen erfordert. Ob die geplanten Maßnahmen ausreichen, um den Ärztemangel wirksam zu bekämpfen, bleibt abzuwarten. Klar ist: Ohne grundlegende Veränderungen bei Honorierung, Bürokratie und Arbeitsorganisation werden sich die Lücken in der Kassenärzteversorgung weiter vergrößern, und die gesundheitliche Zwei-Klassen-Gesellschaft, die man offiziell nicht haben möchte, wird Realität.